Katharina Schüller zur Corona-Pandemie: "Datenkompetenz aneignen, anstatt einzelne Informationen zu verfolgen"

Wir schauen die Nachrichten am Tag und immer wieder gibt es eine neue Anzahl von Infizierten und eine bestimmte Anzahl von Verstorbenen. Beschäftigen tut uns das alle, aber was heißt diese Statistik eigentlich? Statistikerin Katharina Schüller bringt Klarheit ins Dunkel.
April 22, 2020

Wir schauen die Nachrichten am Tag und immer wieder gibt es eine neue Anzahl von Infizierten und eine bestimmte Anzahl von Verstorbenen. Beschäftigen tut uns das alle, aber was heißt diese Statistik eigentlich, was bedeutet sie?

Um ein bisschen Klarheit ins Dunkel zu bringen haben wir ein Interview mit Frau Katharina Schüller aufgenommen. Katharina Schüller ist Statistikerin und Datenwissenschaftlerin, Mitglied in der Vordenker-Community (eine Initiative von Handelsblatt und der Strategieberatung Boston Consulting Group). Mit der Gründung von STAT-UP 2003 hat Katharina bereits mehr als 17 Jahren Erfahrung im Bereich Advanced Analytics, Big Data und Künstliche Intelligenz sowie umfangreiche Projekterfahrung in zahlreichen Branchen.

Im Laufe der Corona-Pandemie hat sie sich für eine bessere statistische Auswertung der bestehenden Daten und repräsentativen Studien eingesetzt.

Frau Schüller, zu Beginn würde mich interessieren: Folgt eine derartige Pandemie, wie COVID-19, bestimmten Mustern?

Ja, diese Muster sind ausschlaggebend, um Aussagen treffen zu können.Hierzu wird der Versuch unternommen, derartige Pandemien zu modellieren. Es ist dabei erforderlich sich klar zu machen, wie solche Pandemien zustande kommen. Zunächst steckt sich eine Person an, dann dauert es eine gewisse Zeit bis die Krankheit ausbricht und erste Symptome auftreten. Der Erkrankte ist derweil möglicherweise bereits infektiös und fängt an andere Kontaktpersonen anzustecken.

Im Glücksfall wird die Krankheit frühzeitig entdeckt und die infektiöse Person kommt in die Quarantäne. Wenn der Betroffene nicht stirbt und seine Erkrankung keinen schweren Verlauf nimmt, stellt sich die Genesung ein und das Ansteckungsrisiko ist unterbunden.

Es existieren wesentliche Faktoren, die sich zur Erstellung mathematischer und statistischer Modelle heranziehen lassen, um eine derartige Pandemie epidemiologisch zu modellieren. Hierunter fallen die folgenden vier Gesichtspunkte: erstens die Anzahl der aktuell betroffenen Menschen, zweitens die Höhe der Ansteckungsrate pro Person, drittens der Ansteckungszeitraum sowie viertens die Anzahl der Personen, die nach Ansteckung bereits eine Immunität entwickelt haben.

Wie könnte sich die erwähnte Modellierung gestalten und welche Faktoren, sind dafür unerlässlich ?

Wie bereits erwähnt, ist für das Modell entscheidend, dass es auf folgenden Daten basiert: Zum einen die Anzahl der bereits Infizierten, die Ansteckungsrate pro Person und darüber hinaus, wie sich dies über die Zeit verändert. Hinzu kommt die Quantität der Personen, die bereits immun sind und die Zeitspanne, in der eine infizierte Person, ein Ansteckungsrisiko für andere Menschen darstellt.

Kann eine Antwort darauf gegeben werden, wie schnell sich die Pandemie zurzeit ausbreitet?

Jede Antwort, die ich darauf geben kann, ist morgen wieder veraltet.

Es scheint so, als würde sich die Pandemie verlangsamen. Möglicherweise ist dies ein Effekt der Maßnahmen, die getroffen wurden.

Das Ganze ist sehr schwer einschätzbar, weil jede Prognose auch stark testabhängig ausfällt und unvermeidlich von Testabweichungen beeinflusst wird. Dies variiert von Testverfahren zu Testverfahren, wofür signifikant ist, wie viele infizierte Personen entdeckt werden.

Weiterhin ist festzustellen, dass auch große regionale Differenzen bestehen, abhängig von der Mobilität der Bevölkerung, Besiedlungsdichte und Urbanisierung eines Gebiets sowie der Frequenz, in der die Einwohner mit anderen Menschen in Kontakt treten. Vor diesem Hintergrund lassen sich nur grobe Mittelwerte bestimmen, aber im Grunde bleiben jegliche Vorhersagen problematisch, bereits angesichts der unterschiedlichen Verhaltensmuster, die das Leben in Deutschlands Großstädten prägen, verglichen mit den Alltagsabläufen und Gewohnheiten der Landbevölkerung.

Vergleich von durchschnittlichen Todesraten (Quelle: NY Times)

Wie bewerten sie die aktuellen Maßnahmen, die die Bundesregierung verordnet?

Gerade in der Anfangszeit erschien es mir sehr wichtig und sinnvoll, dass dir Regierung strikte Maßnahmen verordnet, insbesondere wegen der dünnen Datenlage und der schwer abschätzbaren Gefahr für die Bevölkerung. Auch wenn die Mortalität verhältnismäßig gering ausfallen sollte, unter der Gesamtheit von mit COVID-19 Infizierten und nicht in allen Fällen zweifelsfrei zu klären ist, ob der Betroffene durch den Virus selbst verstorben ist oder Vorerkrankungen hauptursächlich waren, so besteht zusätzlich die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems, die ebenfalls nicht zu unterschätzen ist. Wenn durch zahlreiche Neuerkrankungen ein großer Ansturm auf die Krankenhäuser entsteht, dann kann dies zu einer Überforderung des Gesundheitssystems führen – diesen Zustand gilt es zu vermeiden.

Inzwischen finde ich es problematisch, dass sich die Maßnahmen nicht auf ausreichend zuverlässiges Datenmaterial stützen und es bisher nicht gelungen ist, repräsentative Studien vorzuweisen, die einen Aufschluss darüber gewähren, wie sich die Pandemie ausbreitet und ob die getroffenen Maßnahmen bereits eine nachweisliche Wirkung zeigen.

Diesbezüglich lässt sich ein zutreffendes Zitat anführen: “you can't manage what you can't measure.” Wenn wir die Pandemie nicht auf messbare Weise erfassen können, wie wollen wir dann evaluieren, ob die getroffenen Maßnahmen sinnvoll sind?

Immer noch habe ich auch das Gefühl, dass wirtschaftliche Faktoren und die Sorge um Menschenleben stark gegeneinander ausgespielt werden, wobei es eigentlich einen integrativen Blick auf die Problematik bedürfte, im Sinne einer ganzheitlichen Perspektive, die die Gesamtsituation in all ihren Aspekten abwägt. Denn wenn es der Wirtschaft schlecht geht, dann ist dies auf die Dauer auch nicht gut für die Gesellschaft. Neben den Krankheits- und Todesfällen, zieht die Pandemie eine Reihe weiterer negativer Effekte nach sich, so etwa, dass zahlreiche Menschen ihre Arbeitsstellen verlieren und ihren Lebensunterhalt nicht mehr erwirtschaften können, weil sie zu Hause in Isolation zur Untätigkeit gezwungen sind. Auch steigt das Depressionsrisiko, durch den Mangel an persönlichen sozialen Kontakten. Kinder und Jugendliche leiden unter der aktuellen Lage, weil sie nur eingeschränkten Zugang zur Bildung haben.

Übergreifend sind dies alles Nebeneffekte, die in Kauf genommen werden, ohne wirklich imstande zu sein, die Ausmaße zu bewerten, die die daraus resultierenden Probleme haben können. Zweifelsfrei kann ich auch nicht sagen, was wichtiger ist. Wenn ich mich aber auf eine Größe einigen müsste, wäre diese ‚Menschenleben‘. Meine Sicht der Dinge entspricht diesbezüglich dem „quality adjusted life years“-Ansatz (QALY-Ansatz) in denGesundheitswissenschaften, der den Fokus auf die qualitativ hochwertigenLebensjahre eines Menschen legt. Es ist dabei die fundamentale Frage zustellen: Wie viele qualitativ hochwertige Jahre riskiere ich, wenn ichbestimmte Maßnahmen ergreife oder verweigere?

Deutschland, Stand 14.05.2020 (Quelle: Das Robert Koch-Institut)

Da Sie sich für eine datengestützte Betrachtungsweise einsetzen und dafür plädieren, die Risiken der Pandemie möglichst umfassend abzuwägen, drängt sich die Frage auf: Wie ist ihrer Einschätzung zufolge mit der Problematik umzugehen, dass sich die Datenlage bezüglich COVID-19 bisher äußerst unklar gestaltet?

Deutschland nimmt im Vergleich zu anderen Ländern eine relativ hohe Anzahl von Tests vor, um das Virus und seine Auswirkungen zu erforschen. Leider haben wir immer noch erhebliche Datenabweichungen, bedingt durch den Umstand, dass tendenziell primär diejenigen Menschen getestet werden, die bereits Symptome aufweisen, insbesondere Patienten mit schweren Symptomen, jedoch weniger häufig die Personengruppe, die nur leichte oder keine feststellbaren Symptome haben.

Aus anderen Ländern wissen wir, dass COVID-19 je nach Studie in 50 bis 85% der Fälle symptomfrei verläuft. Diese ganzen Fälle bleiben bislang in Deutschland größtenteils unbemerkt, wodurch wir nicht wissen, welcher Anteil der Bevölkerung bereits immun ist.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um den Infektionsprozess effektiver zu erforschen?

Mein Vorschlag lautet weltweit repräsentativ zu testen und diese Meinung vertritt auch der Großteil der Statistiker. Dies bedeutet, dass Testwiederholungen unabdingbar sind und nicht nur zu einem gewissen Zeitpunkt, an dem das Problem als akute Infektion auftritt, Tests zu erfolgen haben, sondern im Idealfall für den kompletten Krankheitsverlauf. Auch die Tests selbst weisen Fehlerraten auf, was Wiederholungen erforderlich macht, um einen Einblick in die Dynamik zu erhalten und zeitliche Veränderungen wahrnehmen zu können. Nur auf diese Weise sind aussagekräftige Berechnungen anzustellen, was zum Verständnis beitragen würde, wie sich die Infektion ausbreitet.

Wie könnte ein entsprechendes Testverfahren aussehen?

Beispielsweise sind, in Intervallen von ein bis zwei Wochen, je 5000 Tests einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe in Deutschland durchzuführen. Eine Möglichkeit ist, einen bestimmten Anteil der Tests auf verschiedene Cluster zu fokussieren, so etwa auf Regionen, in denen besonders viele Krankheitsfälle bekannt sind, um zu verstehen, was ursächlich für die erhöhte Infektionsrate sein könnte.

Dieses Vorgehen würde uns erlauben, zu einem konkretisierten Bild zu gelangen, wie sich der aktuelle Stand der Durchseuchung faktisch gestaltet, insbesondere hinsichtlich der Frage, wieviel Prozent der Bevölkerung schon infiziert sind oder infiziert waren. Immer wieder wird gesagt, dass 60-70% Durchseuchung erforderlich sind, damit die Bevölkerung eine Herdenimmunität entwickelt und das Virus nicht zu der Personengruppe durchdringt, bei der eine Ansteckung nicht zu riskieren ist, da diese mit hoher Wahrscheinlichkeit lebensbedrohlich verlaufen würde.

Eine gezielte Isolation von Pflege- und Altenheimen auf unbestimmte Zeit, bis ein Impfstoff oder ein wirksames Medikament entwickelt wurde, gestaltet sich als nahezu aussichtsloses Unterfangen, gerade weil die Entwicklungsdauer derzeit nicht absehbar ist. Zwar lassen sich darüber Spekulationen anstellen, aber wie schnell die Umsetzung wirklich vonstattengeht, insbesondere bis auch eine Zulassung vorliegt und das Produkt marktreif ist, darüber können nur sehr vage Prognosen abgegeben werden.

Deutschland, Stand 14.05.2020 (Quelle: Das Robert Koch-Institut)

Wie funktionieren die betreffenden Tests und ermöglichen diese eineverlässliche Messung der Durchseuchungsrate?

Es gibt zwei Arten von Tests, die aktuell zur Untersuchung herangezogen werden. Zum einen gibt es die sogenannten PCR-Tests, die die akute Infektion in einem ganz bestimmten Stadium nachweisen, und zwar wenn das Virus sich tatsächlich im Körper befindet, sodass die RNA des Virus anhand der PCR (Polymerase-Kettenreaktion) zu erkennen ist. Die zweite Art sind die Antikörpertests, die auf eine durchgemachte Infektion hinweisen. Sie zeigen, wenn der Körper bereits Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet hat und deswegen, nach allem was bisher bekannt ist, die Infektion schon überstanden hat und immun ist.

Unternimmt die Bundesregierung bereits Schritte, die der von Ihnen vorgeschlagenen Richtung entsprechen?

Nach aktuellem Stand strebt das Robert-Koch-Institut an, dass solche repräsentativen Stichproben in Deutschland zu untersuchen sind. Die betreffenden Untersuchungen sollen an 15000 Menschen vorgenommen werden, aber die Ergebnisse dieser Studie werden nicht vor Ende Juni erwartet.

Regional gibt es bereits Tests, so etwa eine in der Gemeinde Gangelt (Landkreis Heinsberg) durchgeführte Studie von Hendrik Streeck, die soweit ich es beurteilen kann als Studie selbst gut durchgeführt ist. Allerdings sind die Ergebnisse nicht einfach auf Deutschland anzuwenden beziehungsweise wenn versucht wird diese zu übertragen, wäre das Resultat vermutlich, dass alles viel schlimmer ist als wir dachten.

Die Schlussfolgerung würde sein, dass die Letalität, das bedeutet die Wahrscheinlichkeit an der Erkrankung zu sterben, bei 0,37% liegt. Wenn wir das auf Deutschland hochrechnen, mit rund 81 Millionen Einwohnern und 70% Durchseuchung, kommen wir auf ein Ergebnis von mindestens 200 000 Toten.

Das ist kein erwünschtes Szenario, deswegen ist diese Aussage nicht unbedingt zu verwenden, um Entscheidungen auf ihrer Basis zu fällen. Zudem geht es in der Studie um einen Ort in Nordrhein-Westfalen, der insgesamt nur 12 000 Einwohner umfasst und mehrere Besonderheiten aufweist. Das sind die Gründe, warum sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf ganz Deutschland übertragen lassen. Auch in München ist eine Studie vom Tropenmedizinischen Institut veranlasst worden, jedoch habe ich seit Beginn der Studie kaum mehr etwas darüber gehört.

Wir haben bei dem Beispiel aus Gangelt doch eine repräsentative Studie vorliegen – Weshalb sind die Ergebnisse nicht einfach auf ganz Deutschland übertragbar?

Einer der Gründe hierfür ist, dass die Fallzahlen der Studie von einer relativ kleinen Testgruppe mit insgesamt 1000 Personen stammen. Hinzu kommt, dass die Testergebnisse nur aus einer einmaligen Erhebung resultieren und keine Wiederholungen stattfanden. Zudem hat der Ort eine spezifische Bevölkerungsstruktur, die nicht einfach Rückschlüsse darauf gestattet, wie sich die Situation in einer Großstadt gestalten würde. Die Bevölkerung in der Gemeinde Gangelt ist durchschnittlich jünger als in ganz Deutschland.

Neueste Kenntnisse machen ersichtlich, dass COVID-19 insbesondere für ältere Menschen sehr gefährlich ist, entsprechend lag bisher eine Unterschätzung der Lebensrisiken vor. Neben der weitgehend ungeklärten Frage nach der Immunität innerhalb der Bevölkerung, gilt es noch zu ermitteln, wie viele Menschen krankheitsbedingt verschieden sind. In Gangelt müssten dies, ausgehend von dem bekannten Prozentsatz sieben Personen gewesen sein.

Für einen Überblick zur Letalität ist es äußerst problematisch, dass in Deutschland momentan nur in einem einzigen Bundesland (Hamburg), bei Verdacht auf COVID-19, obduziert wird. Warum ist dies aber so wichtig? So wurde beispielsweise in Italien festgestellt, dass etwa 99% der verstorbenen Personen sehr schwere Vorerkrankungen hatten. Ohne Obduktion bleibt es unklar, ob die Person durch die Infektion mit Corona gestorben ist oder die Todesursache primär von anderen Faktoren herrührt.

In Hamburg fand die Obduktion von 14 Verstorbenen statt, die anfänglich als ‚Corona-Tote‘ eingestuft wurden. Sechs davon wurden anschließend wieder aus der Statistik gestrichen, da die primäre Todesursache andere Gründe hatte. Dies zeigte, dass ganze 40% der Verstorbenen nicht zu den Opfern von COVID-19 zu zählen sind. Wenn wir das wiederum auf die Letalität aus Gangelt übertragen würden, dann würde sich die Gesamtlage dort vergleichsweise harmloser gestalten.

Es ist zu berücksichtigen, dass in kleinen Gemeinden mit einer überschaubaren Anzahl an Todesfällen, ein einziger Fall einen großen Unterschied in der Sterblichkeitsrate darstellt. Des Weiteren gibt es Spekulationen, ob in Deutschland eine Reihe von Menschen mit COVID-19, aus Angst wegen den überfüllten Krankenhäusern, nicht zum Arzt gehen und schließlich versterben, ohne dass die Todesursache festgestellt wird. Das sind dann unentdeckte Todesfälle an COVID-19, was zu einer Verfälschung der Daten beiträgt.

Deutschland, Stand 14.05.2020 (Quelle: Das Robert Koch-Institut)

Gibt es eine Möglichkeit die aktuelle Sterblichkeitsrate mit den Todesfällen in den Vorjahren zu vergleichen und sind diesbezüglich Veränderungen zu bemerken?

Dies ist im Moment noch schwer zu bewerten. In einigen Ländern, wie Italien und Spanien, erscheint es so, als ob die Mortalität erheblich angestiegen ist. Allerdings ist ungeklärt, ob dies nur durch das Virus bedingt ist oder teils auch die davon ausgelöste Panikreaktion und die unvorbereiteten Krankenhäuser dazu beitrugen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass andere Operationen verschoben werden mussten oder bestimmte Behandlungen nicht fortgeführt werden konnten. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass es Menschen gibt, die bedingt durch die Hysterie vor Corona Herzprobleme bekommen haben und schließlich daran verstorben sind. Die große Schwierigkeit liegt darin, dass lediglich eine angestiegene Sterblichkeitsrate zu beobachten ist. Welcher Anteil dieser Veränderung unmittelbar vom Virus herrührt, ist momentan jedoch schwer zu beurteilen.

Es existiert ein Vergleich von David Spiegelhalter, einem Statistiker aus Cambridge, in dem er die Letalität, bedingt durch COVID-19 und die allgemeine Mortalität im Zeitfenster eines Jahres gegenüberstellt. Seine Studie hat zum Ergebnis, dass beide Werte etwa gleich hoch ausfallen. Hieraus lässt sich die Annahme ableiten, dass dies eine Verdopplung der Todesfälle innerhalb eines Jahres bedeuten könnte, wenn die Todesfälle bedingt durch COVID-19 zu den allgemeinen Todesfällen zu addieren sind.

Ob es tatsächlich zu einer derartigen Verdoppelung kommen wird, ist schwer zu sagen, insbesondere angesichts dessen, dass wir nicht wissen, wie viele Menschen, aufgrund anderer Vorerkrankungen in nächster Zeit verschieden wären und bedingt durch COVID-19 nun zu einem früheren Zeitpunkt ableben mussten. Da derartige Fragen nicht zweifelsfrei zu klären sind, ist von dem Worst Case auszugehen.

Besonders drastisch wäre es, wenn das Worstcase-Szenario, also all diese Todesfälle, in einem relativ kurzen Zeitraum eintreten und dies einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems auslösen würde.

Viele haben Angst und das ist verständlich. Wenn ich die Todesraten betrachte, die den Daten des Robert-Koch-Instituts zu entnehmen sind, zeigt sich ein erschreckendes Bild. So viele Menschen sind infiziert und gestorben, allerdings doch auch viele wieder genesen. Wie bewerten Sie dies, lassen sich derartige Statistiken heranziehen, um sich ein fundiertes Urteil über die aktuelle Lage zu bilden?

Zu der Gruppe der Infizierten werden nur diejenigen gezählt, bei denen das Testergebnis positiv ausfiel, wodurch viele der Virusträger nicht registriert werden. Dies kommt mitunter durch zeitlich bedingte Unschärfen zustande, da vor dem Test der Krankheitsverlauf soweit fortgeschritten sein muss, dass sich Symptome feststellen lassen.

Das zweite statistische Problem sind die Werte der Genesungen. Dies rührt daher, dass die Genesungen in Deutschland nicht meldepflichtig sind, sodass diesbezüglich nur eine Hochrechnung möglich ist. Ich glaube, nur fünf Bundesländer melden inzwischen systematisch die Genesungen. Dabei handelt es sich entweder um Personen, die aus Krankenhäusern entlassen und negativ getestet wurden oder diejenigen, die 14 Tage in der Quarantäne waren und nicht verstorben sind, da auch diese als genesen gelten.

Ebenfalls hinsichtlich der an COVID-19 Verstorbenen treten statistische Probleme auf, insofern hierzu alle Todesfälle gezählt werden, bei denen das Virus nachgewiesen wurde, jedoch ist nicht immer zweifelsfrei zu bestimmen, ob das Virus selbst die Todesursache war, was zu ungenauen Werten führt.

Was macht in Ihren Augen eine verwendbare Statistik aus und welche Werte sind zur Erforschung der Pandemie zielführend?

Auf Basis der vorhandenen Daten kann versucht werden, Schätzungen zu treffen, wie hoch die Letalität ist und wie sich die Ansteckungsrate verändert. Diese Annahmen müssen allerdings mit Vorsicht betrachtet werden, weil sich im Laufe der Zeit die Testweise sehr stark verändert hat. Es besteht eine Abhängigkeit der Statistiken zu den verfügbaren Tests, der Art dieser Tests sowie ihrer Quantität, die in den einzelnen Ländern weltweit erheblich differiert.

Wenn die Testdaten miteinander in Beziehung gesetzt werden, um bei den unterschiedlichen Teststrategien gemeinsame Muster ihrer Resultate zu identifizieren, so haben diese vergleichenden Beobachtungen ein gewisses Aussagepotenzial für die Erforschung der Pandemie. Vor mehreren Wochen hat Christian Drosten sich dahingehend geäußert, dass er die Letalität auf ungefähr 0,5%, mit einem Bereich von 0,3-0,7%, schätzt.

Aus den Daten haben wir bei ‚Unstatistik‘ versucht eine Herleitung vorzunehmen und kamen auf ganz ähnliche Werte, und zwar ebenfalls 0,5% +- 0,25%, was sich somit in demselben Bereich befindet. Die Ergebnisse der bereits erwähnten Studie aus der Gemeinde Gangelt liegen auch in diesem Bereich. Dadurch sind die ermittelten Werte durchaus als zutreffend einzuschätzen, gerade unter Beschränkung auf diejenigen Fälle, bei denen COVID-19 als primäre Todesursache festzustellen war.

Es gibt altersabhängig starke statistische Schwankungen und jeden interessiert natürlich, ob es angebracht ist, sich um eine bestimmte Altersgruppe besonders Sorgen zu machen. Sind hierüber Aussagen zu treffen?

Für die Bevölkerung unter 60 Jahren ist eine Erkrankung in vermindertem Maße bedrohlich, mit Ausnahme von Menschen mit schwerer Vorerkrankung, geschwächtem Immunsystem oder Lungenkrankheiten. Was ich in der aktuellen Situation raten würde, ist mit dem Rauchen aufzuhören.

Todesraten in Bergamo (Italien) nach Altersgruppen für Januar, Februar und 1-21 März 2020 (Quelle: Isaia Invernizzi)

Ein guter Anlass und hierdurch wird die allgemeine Todesstatistik sicherlich auch gesenkt!

Ja, falls die Sorge um Lungenkrankheiten besteht, dann wäre dies eine gute Maßnahme. Ansonsten dienen alle Schutzmaßnahmen eher dazu, die Risikogruppe zu schützen. Falls ich selbst nicht zur Risikogruppe gehöre, würde ich mir keine so großen Sorgen machen. Wenn ich hingegen eine Person wäre, die bereits über 80 Jahre alt ist, dann verhält es sich so, dass die Todeswahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten 12 Monaten bei 20% und höher liegt, wobei die Wahrscheinlichkeit, an COVID-19 zu sterben für Menschen dieses Alters momentan auf 0,5% zu schätzen ist.

Deutschland, Stand 14.05.2020 (Quelle: Das Robert Koch-Institut)

Wenn wir die Todesfälle bedingt durch COVID-19 in Deutschland und Italien miteinander vergleichen, schneidet Italien deutlich schlechter ab als Deutschland. Liegt dies am italienischen Gesundheitssystem?

Im Vergleich zu Deutschland hat sich der Virus in Italien deutlich früher ausgebreitet. Über die Gründe hierfür gibt es viele Spekulationen, wobei in Italien auch eher einzelne Hotspots besonders betroffen sind. Es gibt Mutmaßungen darüber, dass die schnellere Verbreitung des Virus mit der Luftverschmutzung zusammenhängen könnte, mit dem relativ hohen Durchschnittsalter der italienischen Bevölkerung oder der höheren Anzahl an Großfamilien. Das sind jedoch lediglich Hypothesen und keine davon ist bis jetzt nachgewiesen worden. Dies wird, wie ich annehme, auch alles sehr schwer nachweisbar sein.

Vor kurzem habe ich gelesen, dass es in vielen Fällen bei COVID-19 der falsche Weg sein könnte, die Patienten zu beatmen und das entsprechend eine andere Herangehensweise erforderlich ist. Das Virus verursacht Blutgerinnsel, die dann die Lunge sozusagen verstopfen. Die Frage ist, ob überall die richtigen Behandlungsmethoden zur Anwendung kamen. Natürlich, wenn das Gesundheitssystem kurz vor dem Kollabieren ist, Pfleger und Ärzte überlastet sind, dann ist auch unvermeidlich die Versorgung der Erkrankten davon beeinträchtigt. Nicht außer Acht zu lassen ist jedoch, dass dies eine unerwartete akute Krisensituation darstellte, aufgrund derer eine immense Menge an Patienten gleichzeitig zu behandeln waren.

Kürzlich habe ich eine Studie gelesen, die auf Korea Bezug nahm, wo sie am Anfang die Pfleger in einen 12-Stunden-Schichtbetrieb eingeteilt hatten und die Arbeitszeit dann auf 6 Stunden reduzierten, was zu einer Senkung der Sterblichkeitsrate der Patienten führte. Es ist natürlich eine Binsenweisheit, dass wenn Pfleger ausgeruht und frisch sind, sie sich auch mehr Zeit für den einzelnen Patienten nehmen und diesen sorgfältiger behandeln.

Nicht zu vergessen ist, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, die an Sepsis sterben und zwar jährlich etwa 75 000 Personen. Das sind meistens ältere Menschen und ihr Versterben hat häufig mit dem Krankenhauskeim zu tun. Wenn ich es überspitz sagen würde, ist es vielleicht in einem gewissen Alter, bei einem gewissen Erkrankungsgrad, auch gar nicht so gesund ins Krankenhaus zu kommen, weil dort die Gefahr besteht sich Keimen auszusetzen. Das ganze Problem ist wahrscheinlich multikausal, denn es gibt vielfältige Erklärungsmöglichkeiten. Die Aussage, dass wir in Deutschland ‚besser‘ dran seien, weil wir ein vergleichsweise gutes Gesundheitssystem haben, ist allerdings problematisch.

Das ganze Problem ist wahrscheinlich multikausal, denn es gibt vielfältige Erklärungsmöglichkeiten. Die Aussage, dass wir in Deutschland ‚besser‘ dran seien, weil wir ein vergleichsweise gutes Gesundheitssystem haben, ist allerdings problematisch.

Alle wollen, dass sich möglichst rasch die Lage bessert, mitunter auch aufgrund dessen, dass viele Unternehmen, wie auch wir, von den wirtschaftlichen Folgen betroffen sind. Wie kann unser Unternehmen konkret Hilfe leisten?

Meine Empfehlung ist, sich an die Einschränkungen zu halten, weil diese sicherlich nicht unvernünftig sind. Unabhängig davon, ob diese Maßnahmen nun ursächlich dafür sind, dass anscheinend die Infektionszahlen abfallen oder nicht. Die statistischen Werte sprechen dafür, sich an diese Auflagen zu halten und dies würde meiner Einschätzung nach langfristig auch dazu führen, dass die Beschränkungen wieder gelockert werden könnten.

Mortalität in New York pro Woche in den letzten 4 Jahren (Quelle: @steelslat)

Es ist zudem vernünftig sich regelmäßig die Hände zu waschen, vielleicht auch einen Mundschutz zu tragen, doch gerade Letzteres können Ärzte besser beurteilen als dies mir möglich ist.

Diesbezüglich herrscht momentan Uneinigkeit, soweit ich weiß.

Es ist ratsam nicht in Panik zu geraten und kommt sicherlich der Gesundheit zugute, mit dem Rauchen aufzuhören. Es ist in solchen Zeiten zudem darauf zu achten, nicht der Versuchung zu erliegen, Fake News zu verbreiten oder überall mitzudiskutieren. Die Zahlen haben jetzt noch nicht die benötigte Aussagekraft, dennoch gibt es viele Quellen, die einerseits die Lage verharmlosen, beispielsweise in die Richtung, dass alles vergleichbar mit einer Grippe sei, oder aber andererseits die Situation bewusst dramatisieren, um damit Aufmerksamkeit zu erregen. Beides schadet der Gesellschaft.

Als besonders schädlich erachte ich insbesondere Versuche, das Ganze politisch zu instrumentalisieren. Das wäre auch ein Appell, den ich an Politiker hätte: Instrumentalisiert die Zahlen nicht!

Was sollte ich lesen, um objektiv informiert zu bleiben?

Vorerst nicht zu viel – Wenn ernsthaftes Interesse besteht, gibt es eine ganze Reihe an wissenschaftlichen Publikationen, z.B. das British Medical Journal und das The New England Journal of Medicine haben eigene Sonderausgaben zum Thema COVID-19, in denen zu sehen ist, was sich aus den Daten tatsächlich ableiten lässt und was nicht sowie, an welchem Punkt sich der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Diskussion befindet.

An dieser Stelle auch ein bisschen Eigenwerbung: Für das Hochschulforum Digitalisierung, ein Thinktank des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, habe ich eine Studie mitverfasst. Diese Studie befasst sich mit dem Thema: Was ist Datenkompetenz? Wie lerne ich den kritischen Blick auf Daten? Wie werde ich datenkompetenter und worauf sollte ich achten? Wie erlerne ich das kritische Sammeln von Daten sowie diese zu managen und interpretieren?

Empfehlenswert wäre meiner Ansicht nach, sich diese Datenkompetenz anzueignen, anstatt einzelne Informationen zu verfolgen, die sich sowieso täglich ändern und revidiert werden. Zu erlernen gilt es hierzu insbesondere, wie Zahlen richtig zu lesen sind und sich unsichere Daten deuten lassen.

Die Corona-Krise belastet Ihr Unternehmen sicherlich auch und Sie mussten sich wahrscheinlich umstellen. Daher ist meine letzte Frage an Sie: Welche Maßnahmen haben Sie unternehmensintern für den wirtschaftlichen Umgang mit der Pandemie getroffen?

Unser Unternehmen hat das Glück, dass wir von unseren Kunden her international aufgestellt sind und teilweise sehr große Projekte betreiben, die nicht betroffen sind. Bereits seit einem Jahr haben wir immer sehr viel remote gearbeitet und unser ganzes System darauf ausgerichtet, dass alle Beteiligten vom Homeoffice aus Ihrer Tätigkeit nachgehen können.

Insofern erforderte die aktuelle Lage bei uns keinerlei Umstellung und die Abläufe funktionieren weiterhin reibungslos, da jeder von zu Hause aus weiterarbeiten kann. Ferner konnte ich feststellen, dass die Nachfrage, was unsere Dienstleistungen angeht, ungebrochen ist. Allerdings sind auch wir minimal betroffen, da bestimmte Schulungen ausgefallen sind respektive verschoben wurden.

Hallo, Veranstaltungsbutler.
Tschüss, Verwaltungsarbeit.

Noch Fragen? Wir sind gerne telefonisch oder per E-Mail für Sie da.

Mail: service@veranstaltungsbutler.de
Telefon: +49 30 22 95 71 53.

Danke! Wir haben Ihre Nachricht bekommen!
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